Dem Traum ein Stück näher

Die Murianerin Julia Stierli ist dem Traum von einer EM-Teilnahme ein grosses Stück näher gekommen. Die Freiämterin löste das Ticket mit dem Team nach einem Sieg im Penaltyschiessen gegen Tschechien. Jetzt muss Stierli im Sommer 2022 nur noch aufgeboten werden. Vorerst will sie sich aber vom Krimi gegen Tschechien erholen.

Die Spannung in der Stockhorn-Arena in Thun ist beinahe unerträglich. Die Tschechin Katerina Svitková läuft zum 5. Penalty für ihr Team an. Trifft sie, geht das Elfmeterschiessen weiter. Verschiesst sie, sind die Schweizerinnen für die EM qualifiziert. Ausgerechnet Svitková, die in Hin- und Rückspiel das tschechische Tor erzielen konnte, ist jetzt die Hoffnung für die Schweiz.

Geschrei hallt durch das zuschauerlose Stadion. Svitková trifft nur die Latte. Die Murianerin Julia Stierli packt ihre Teamkolleginnen und stürmt in Richtung von Goalie Gaëlle Thalmann, um mit ihr die EM-Qualifikation zu feiern. «Es war eine absolute Achterbahnfahrt der Gefühle. Nicht nur das Penaltyschiessen, sondern beide Spiele insgesamt», sagt Stierli.

«Wäre nicht die sechste Schützin gewesen»

Als das Penaltyschiessen losging, sah es nämlich nicht danach aus, als könnte die Schweiz reüssieren. Mit Malin Gut und Coumba Sow scheiterten die ersten beiden Schützinnen der Schweiz. Alisha Lehmann, Lia Wälti und Ana-Maria Crnogorcevic verwandelten allerdings ihre Penaltys, und da auch zwei Tschechinnen scheiterten, hing alles von Svitková ab.

Hätte sie getroffen, wäre es weitergegangen. Nicht nur wegen des Hin und Her im Penaltyschiessen pochte das Herz der Murianerin. Wäre das Penaltyschiessen noch lange gegangen, wäre auch Stierli irgendwann dran gewesen. Aber wann hätte sie schiessen dürfen? «Das kommt darauf an, wie lange es gedauert hätte. Ich wäre auf jeden Fall nicht die sechste Schützin gewesen», erklärt die Abwehrspielerin mit einem Lächeln, offenbar erleichtert, dass sie nicht mehr zum Schuss antreten musste.

Erneut einem Rückstand nachgerannt

Das Rückspiel verlief ähnlich wie die erste Partie in Tschechien. Tschechien ging erneut in Führung. Svitková traf in der 51. Minute zum 1:0 für die Tschechinnen. In der 59. Minute konnten die Gastgeberinnen durch Coumba Sow ausgleichen.

«Wir lagen dreimal zurück. Im Hinspiel, im Rückspiel und im Penaltyschiessen», sagt Stierli. «Es spricht für unseren Teamgeist, dass wir immer wieder zurückgekommen sind.» Es war allerdings auch ein Nervenspiel immer einem Rückstand nachzurennen. Aus der Sicht der Murianerin können die Schweizerinnen trotzdem zufrieden sein. Obwohl sie eigentlich in beiden Spielen das bessere Team waren und es dennoch eine Zitterpartie wurde. «Das Ziel war, sich zu qualifizieren. Das haben wir geschafft. Unsere Fehler werden wird natürlich analysieren und versuchen, uns zu verbessern.»

Gross feiern konnten die Schweizerinnen ihren Erfolg nach dem Spiel nicht. «Dafür waren wir nach den zwei Spielen einfach zu müde. Natürlich war die Freude gross, aber die Energie, um noch gross zu feiern, die hat gefehlt.»

Penalty: «Clever rausgeholt»

Mit ihrer eigenen Leistung ist die Murianerin auch zufrieden. Zumindest im Rückspiel. «Da habe ich eine bessere Partie gezeigt als in Tschechien. Das Einzige, was ich dort hervorheben würde: Ich konnte normal weiterspielen, obwohl mein Fehler zum 0:1 führte. Es hat mich nicht verunsichert.» Und der vermeintliche Fehler? War es einer? Hat Stierli ihre Gegenspielerin gefoult? Auf den Fernsehbildern ist nämlich keine Körperberührung ersichtlich. Die Fussballerin lächelt: «Die Gegnerin holt den Penalty geschickt raus. Meiner Meinung nach musste man weder diesen noch den für uns zwingend pfeifen. Ich nehme ihn trotzdem auf meine Kappe, da ich völlig unnötig so zum Ball gegangen bin.»

Die Qualifikation ist jedenfalls geschafft. Das Turnier startet erst am 6. Juli 2022. Bis dahin vergeht noch viel Zeit. Deshalb will sich die Freiämterin nicht verrückt machen und über eine Nomination oder Ziele für die Euro nachdenken. «Zuerst ruhe ich mich noch von der Barrage aus. Danach konzentriere ich mich wieder auf meine Arbeit und den Spielbetrieb mit dem FC Zürich.»

Josip Lasic – Der Freiämter

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